Leseprobe "Tanz der Sonne entgegen"

 

5. Dezember 2017

 

© Mela Wagner

 

Prolog

 

Vor neun Jahren

»Erste Position, meine Damen. Eins, zwei, drei, vier – eins, zwei, drei, vier. Formation!« Der Mix aus Hip-Hop-Musik aus meinen Kopfhörern und den resoluten Anweisungen der Lehrerin im Hintergrund dröhnt in meinen Ohren. Ich drehe den Lautstärkeregler deutlich hoch, bis ich nur noch Mundbewegungen sehe. Mein Fuß wippt zum passenden Beat der Musik. Obwohl ich nicht höre, was Madame sagt, kann ich die Wörter von ihren Lippen ablesen. Sie wiederholt sich. In jeder Stunde die gleichen Floskeln. Seit über fünf Jahren. Was sich mit meinen dreizehn Jahren wie eine Ewigkeit anfühlt. Ein lautes Klatschen erklingt, das selbst den hämmern- den Bass aus meinen Kopfhörern übertönt. Ich ziehe sie von den Ohren und bin gespannt, was jetzt schon wieder kommt. Usher dröhnt weiter mit »Caught up« durch die Lautsprecher meines CD-Players. Genüsslich lasse ich den Schokoriegel in meinem Mund zerfließen und beobachte, wie eine Gruppe aus sechs Mädchen aufgeregt über das Parkett trippelt. Die überdi- mensionalen Rüschenröcke hüpfen dabei bei jedem Schritt in die Höhe. Sie flüstern. Man kann ihre Nervosität spüren, ihre Angst davor, einen Fehler zu begehen. »Von Beginn!« Der französische Akzent, gepaart mit der auf- rechten Haltung und dem beurteilenden Blick der Tanzlehrerin, erzeugt selbst bei mir eine gewisse Anspannung. Wirbel für Wirbel richte ich meinen runden Rücken auf. Sie schreitet auf ihren hochhackigen Schuhen auf dem Holzboden vor und zurück. Klack – klack – klack. Wortlos, mit abschätzendem Blick. Gleich wählt sie ihr nächstes Opfer. Wie eingefroren verharren die Mädchen in ihren Positionen. Selbst ihre Wimpern bewegen sich bei näherer Betrachtung keinen Millimeter. Man könnte eine Stecknadel fallen hören. Jeder fürchtet die Kritik. Endlich signalisiert Madame Janot dem Pianisten, mit dem klassischen Stück fortzufahren. Die erleichterten Seufzer der Mädchen sind das Zeichen, in meine bequeme Sitzhaltung zurückzurutschen.
»En fance. Tendú second, Tendú second! Achte auf deine Altung, Rebecca, wie oft soll ich dir das noch sagen. Bis in die Fingerspitzön. Bis in die Fingerspitzön mein Kiiind. Oh mon dieu! Rebecca, du bist zwar nett anzusehen, aber deine Ausführung ist komplett schlampig.« Sie schnauft verächtlich. »So wird das nischts. Nein, nein das Kiiinn, Attitude«, ihr Gekreische schmerzt in den Ohren. Ich mag sie nicht.
»Eure Altung! Schulter, Kopf, Kopf, Schulter, Ferse vor, achte jetzt auf deine Altung!« Madame Janots Stimme hallt durch die Räumlichkeiten und versucht dabei das Klavier zu übertönen. »Ja Rebecca, très bien, très bien. Warum nicht gleich.« Seufzend wirft sie die Arme in die Höhe.
»Rebecca, du muss disch konzentrieeeren, damit aus disch etwas wird. Du hattest eine Traum, zu gehen ins Ballett, alors ...« Warum ziehen Franzosen beim Reden immer alles in die Länge? Rebeccas Nasenflügel beginnen zu zittern, sie beißt unentwegt auf ihrer Lippe herum. Dann läuft die erste Träne über ihre porzellanfeine Haut. Wütend funkle ich Madame Janot an. Was bildet sich diese Lehrerin eigentlich ein? Ich kann es mir nicht verkneifen und äffe die ehemalige Primaballerina nach. Auch wenn sie vor Jahrzehnten einmal ein Star war, gibt es ihr nicht das Recht, alle fertigzumachen.
»Geht es zu leischt ist es faaalsch«, ich versuche nicht einmal leise zu sprechen, denn sie soll mich hören und die Mädchen endlich mit ihren Bosheiten in Ruhe lassen. Ihre Freundinnen kichern, während meine Schwester vor lauter Schreck rot anläuft und mir vernichtende Blicke zuwirft. Okay, anscheinend kam meine helfende Aktion nicht sonderlich gut bei ihr an. Natürlich entgehen ihrer Tanzlehrerin meine Worte nicht und sie richtet ihre Aufmerksamkeit augenblicklich auf mich. Sofort herrscht Totenstille. Ich fühle mich wie die Maus im Schlangenkäfig. Auserkoren zur nächsten Mahlzeit, funkelt sie mich wütend an. Sie ist Meisterin darin, sowohl die Schülerinnen als auch deren Eltern mit ihrer »weißen Folter« in die Knie zu zwingen. Allein die Musik aus meinen Kopfhörern lärmt in dieser bedrücken- den Stille. Die Hip-Hop-Klänge passen genauso wenig hierher wie ich. Ich hasse es, im Mittelpunkt zu stehen, doch um meine Schwester vor ihren Demütigungen zu schützen, lasse ich lieber ihre Standpauke über mich ergehen. Ganz anders als erwartet, wendet sie sich aber kopfschüt- telnd von mir ab, beendet die Stunde und zitiert Rebecca als Einzige zu sich. Mein Plan ging komplett in die Hose, und ich bin mir sicher, dass Rebecca für meine Tat zur Rechenschaft gezogen wird. Warum kann ich nicht einmal die Klappe halten? Verhalten trete ich von einem Bein auf das andere, während ich beim Ausgang auf meine Schwester warte. Sie wird mich sicherlich gleich um einen ganzen Kopf kürzer machen. Die Tür öffnet sich schwungvoll, und ein paar ihrer Tanzkolleginnen stürmen heraus. Nur wenige Zentimeter und der Rahmen der Tür hätte meine Nase platt gedrückt. Sie nehmen mich über- haupt nicht wahr und schnattern wie aufgeregte Gänse.
»Sie tut mir so leid.«
»Mit dieser Schwester ist sie einfach nur gestraft! Sieht unmöglich aus und ist dazu noch so was von peinlich«, die Stimme ihrer Freundin trieft vor Verachtung. Ich hätte mit der Tür mitten in meinem Gesicht vorliebgenommen, wenn mir dabei ihre gehässigen Worte erspart geblieben wären. Ein kurzer Aufschrei eines der drei Mädchen. Sie blicken in mein entsetztes Gesicht. Als hätten sie ein Monster gesehen, reißen sie allesamt ihre Augen auf. Naomi fängt sich als Erste wieder. »Was ver- steckst du dich hinter der Tür? Weißt du, wie du uns erschreckt hast?«, keift sie. Ihr Gesicht läuft dabei hochrot an.
»Ich stand da schon die ganze Zeit«, antworte ich nüchtern. Fahrig zieht sie an ihren langen Haaren und streicht die sorgfältig glatt geföhnten Strähnen in die Länge. »Du bist ein Freak!« Spuckt sie mir entgegen und schiebt ihre Freundinnen weiter. »Steh woanders dumm herum.« Mein Herz beginnt zu rebellieren, doch die Wut schnürt meinen Hals zu. Ich brauche ein paar Sekunden, um mich selbst daran zu erinnern, dass ich so nicht mit mir umgehen lasse. Ich bin eine Rebellin. Solche Sprüche lasse ich nicht auf mir sitzen.
»Wartet mal kurz ...«, rufe ich den dreien nach, die schon einige Meter weiter sind. Naomi dreht sich halbherzig um und rollt genervt die Augen. »Was willst du, Moppel?« Ihre Augenbrauen heben sich auffordernd. Ich gehe ihnen ein paar Schritte entgegen. »Hat es dir die Sprache verschlagen?«, provoziert sie mich weiter.
»Nein, nein«, ich lege eine bedeutungsschwangere Pause ein. »Ich dachte nur, wenn etwas Zeit vergeht, meldet sich dein Hirn vielleicht wieder. Aber so abgemagert, wie du aussiehst, wird das scheinbar nicht ausreichend versorgt.« Ihre Augen verengen sich zu Schlitzen. Sie zieht scharf die Luft ein, stemmt ihre Hände in die sowieso schon extrem schmale Taille und drückt diese nochmals zusammen. »Wenigstens bin ich nicht fett, so wie du.« Ihr verachtender Blick schmerzt, doch ich möchte mir nichts anmerken lassen. »Mag sein, aber gegen das ›fett sein‹, könnte ich etwas tun, wenn ich will. Aber gegen Dummheit ist noch kein Kraut gewachsen.« Ihre Tanzkolleginnen stecken flüsternd die Köpfe zusam- men. Ein paar von ihnen kichern hinter vorgehaltener Hand. Ich konnte sie noch nie leiden. Keine Ahnung, was Rebecca an ihrer Gesellschaft schätzt. Mit einem festen Rumps knallt die Tür zum Eingang der Ballettschule zu. Wir schrecken hoch. Ohne einen Ton läuft Rebecca an uns vorbei und ignoriert mich. Ich sehe, wie sie sich eine Träne von der Wange wischt, und ich bekomme ein richtig schlechtes Gewissen.
»Da siehst du, was passiert, wenn du deine Klappe nicht halten kannst.« Naomi rempelt mich mit der Schulter an. Ich bleibe angewurzelt stehen und sehe meine Schwester hinter der nächsten Kreuzung mit ihren Freundinnen verschwinden. Ich wollte mich auf ihre Seite stellen. Ihr zeigen, dass ich für sie da bin, denn zusammen sind wir stark. Jetzt blicke ich ihr hinter- her – bis sie verschwindet und ich allein zurückbleibe.

Kapitel 1

Heute

Die Anzeige leuchtet rot. »Wer denkt, dass die meisten Menschen um vier in der Früh ... ich wiederhole, vier Uhr mor- gens! ... normalerweise schlafen, hat sich getäuscht. Hier ist die Hölle los.« Natürlich kassiere ich genervte Blicke. Ich sollte flüstern, was wahrscheinlich noch komischer ankäme, also halte ich mein Handy direkt vor meinen Mund und diktiere wei- ter. Diesmal leiser. »Wer vermutet im fünfzehnten Stockwerk eines Bürogebäudes diese Menschenmenge? Um diese Uhrzeit!« Ich kann meine Verwunderung nicht verbergen und plappere unermüdlich auf die Aufnahmeapp meines Handys ein. Als ich für einen kurzen Moment die Luft anhalte, höre ich das Getuschel der dicht gedrängten Menschen um mich. Sie beäugen mich kritisch, was ich ihnen nicht übel nehme. Schließlich bin ich die Einzige in einem überfüllten Aufzug, die Selbstgespräche führt. Keine Ahnung, ob es ein ungeschrie- benes Gesetz ist, sich im Aufzug entweder leise oder besser gar nicht zu unterhalten. Schön langsam bekomme ich Platzangst. Ich schwitze – und das direkt auf der Stirn, wo es alle sehen können. Dann endlich der erlösende Gong! Ich atme erleichtert die frische Luft ein, als sich die Türen öffnen. »Sollte man unter klaustrophobischen Zuständen leiden, rate ich von der heu- tigen Veranstaltung dringlich ab. Erst die Menschenschlange beim Eingang, nun ein überfüllter Aufzug.« Die Securities schleusen uns einen Raum weiter. »Das Publikum könnte man zwischen jungem Erwachsenenalter bis ...« Ich blicke in die riesige Menschentraube und entdecke einen Mann, der älter als mein Vater sein könnte. »... sagen wir mal bis zur Generation ›jung gebliebene Opis‹ eingrenzen.« Kaum passiere ich den Eingang, bekomme ich eine kurze Schulung, die genau aus zwei Wörtern besteht: Kopfhörer auf- setzen. Danach zahle ich einen völlig überteuerten Eintritt. Mit Handzeichen lotst uns die Security weiter. Irgendwie wird mir alles etwas suspekt, denn ich höre nicht einmal Musik. Außer dem Gemurmel der Leute um mich herum und einer Liebesbekundung des jungen Mädchens vor mir, das sich an ihren Verehrer anschmiegt, ist es still. Ich spüre die kribbelnde Aufregung in der Luft. »Eine gruselig spannende Stimmung. Sollte dies mein letzter Post sein ... Es war ein Abenteuer, für euch zu berichten«, flüstere ich nun, den Mund knapp an mein Handy gepresst. Ich blicke kurz auf den Bildschirm und sehe, dass mein Akku bald den Geist aufgibt. So ein Mist. Gleich vier Uhr. Morgens! Und ich bin noch meilenweit von einem fertigen Bericht entfernt. Nervös beginne ich auf meinen Fingernägeln herumzukauen. »Notiz nebenbei: Über keine Events mehr berichten, die spät nach Mitternacht stattfinden!« So viel steht fest. Sollte ich vor lauter Müdigkeit gleich umfallen – die Traube an Leuten fängt mich sicherlich auf. Meine Beine schmerzen und mein Nacken beginnt unangenehm zu ziepen. Ich sehne mein Bett herbei. »Was für eine Zeitverschwendung. Nächstes Mal dann doch lieber eine Sendung meiner Lieblingsserie und eine volle Schüssel Popcorn«, sage ich entnervt. Neben mir beginnt jemand laut zu gackern.
»Das Essen scheint doch sowieso eine deiner Vorlieben zu sein. Also wäre es besser gewesen, wenn du dich für das Popcorn entschieden hättest. Dann müssten wir uns nicht deine doofen Kommentare anhören, die sowieso keinen hier interessieren.« Wie war das? Ich blinzle zweimal den hochge- wachsenen Playboy-Bunny-Verschnitt vor mir an, beobachte, wie sie sich grazil bewegt und sich eines dieser abfälligen Grinsen auf ihren Lippen bildet. Du hast mir gerade noch gefehlt. Ihre vom Lockenstab gedrehten Haare bewegen sich keinen Millimeter, selbst als sie ihren Kopf in den Nacken legt und dabei sarkastisch auflacht. Ihre Lippen leuchten in einem viel zu grellen Pink, und die perfekte Zahnreihe blendet allein beim Hinsehen. Der Typ an ihrer Seite scheint von alldem nichts mitzubekommen, denn er unterhält sich mit dem Kerl neben ihm, während seine Hand reglos auf ihrer Taille liegt. Nun gut, eigentlich wollte ich heute mal keinen Ärger, aber das Püppchen vor mir sucht Stress.
»Häschen, wo hast du dein Bunnykostüm gelassen?« Sofort stirbt ihr Lachen. Ich sehe, wie sie sich aufgeregt von ihrer Begleitung löst. Sie verschränkt ihre Hände vor der Brust und geht in eine Verteidigungshaltung. »Bist du nicht viel zu jung für diese Veranstaltung?«, keift sie. Ich rolle genervt die Augen.
»Süße, du kannst doch nicht die Anzahl der Jahre mit der Anzahl an Zentimetern, die uns trennen, verwechseln. Da gibt es einen gewaltigen Unterschied.«
»Pah, mit Leuten wie dir lege ich mich nicht an. Dumme, zu kurz geratene Emanze. Eine tolle Kombination.«
»Ja ich weiß, ich habe meine High Heels zu Hause verges- sen, sonst würden wir uns vermutlich auf Augenhöhe begegnen. Geh mit deinem Hugh Hefner spielen.«  Sie möchte gerade zum nächsten Schlagabtausch ansetzen, als sie von dem erheiterten Lachen ihres Begleiters unterbro- chen wird. Ich ziehe scharf die Luft ein, als er so plötzlich vor mir steht und mich vom Scheitel bis zu den Schuhen zu mus- tern beginnt.
»Hugh Hefner? Echt jetzt? Man hat mir schon viele Namen verpasst, aber den höre ich zum ersten Mal.« Zwei dunkle, leicht von einem schwarzen Kajal umrandete Augen leuchten mich geheimnisvoll an. Etwas verdutzt blinzle ich. Ich schlu- cke. Er fixiert mich. Die Röte schießt in meine Wangen. Wenn ich mich nicht täusche, sehe ich sogar etwas hellen Puder auf seinem Gesicht. Welcher Typ Mann schminkt sich heutzutage, und seit wann ist Gothic wieder in? Ich bin von seinem äußeren Erscheinungsbild so abgelenkt, dass einfach kein Spruch über meine Lippen kommen mag. Die hoch gewachsene, verdammt dünne Blondine zerrt an seiner Hand, doch er weicht keinen Zentimeter vom Fleck und taxiert mich weiter. Er zieht fragend seine Augenbrauen hoch. Mensch Mo, er wartet darauf, dass du etwas von dir gibst. Wach endlich auf!
»Wäre dir Marilyn lieber gewesen?«, brabble ich drauflos, ohne wirklich darüber nachzudenken.
»Ich hoffe, du meinst wenn schon Manson und nicht Monroe«, erwidert er so frech, dass ich zu grinsen beginne. Schlagfertig ist er. Das muss ich ihm lassen.
»Für Monroe fehlen dir eindeutig zwei Argumente, also denke ich eher an Manson.« Auf seinen Lippen entsteht eines dieser Lächeln, für das man als Frau so einiges tun würde. Frech, sexy und unwider- stehlich anziehend.
»Das Fehlen dieser Argumente mache ich mit anderen Vorzügen wett.«
»Das glaube ich erst, wenn ich es sehe ...« Bitte was? Flirte ich etwa mit ihm? Kommen diese Worte aus meinem Mund?
Sein Lächeln wird breiter und ich beginne zu schmelzen. »Ich mag dich!« Ich habe Angst, mich verhört zu haben. Unsicher schiele ich zu seiner Begleitung. Sie starrt ihn genauso fassungslos an. Ihr das Wasser zu reichen, erweist sich schlichtweg als unmöglich.
»Ich denke, sie mag dich auch ...« Ich deute dabei auf sein Bunny, das ihm unmissverständlich klarmacht, wie viel es von unserer Unterhaltung hält, indem es alle zwei Sekunden mit den Augen rollt und verächtlich schnauft. »Ist das dein erstes Mal?« Er geht nicht einmal auf meine Worte ein, sondern redet einfach weiter. Was genau meint er? Dass mich jemand anquatscht, der ver- boten sexy aussieht, als wäre er aus der »Rocky Horror Picture Show« entlaufen – Gott, wie ich diese Show liebe –, oder dass ich das erste Mal in meinem Leben ein Bedürfnis verspüre, mich einem Mann an den Hals zu werfen?
»Ich bin Neal.« Neal – was für ein schöner Name. Neal, so anders – so per- fekt stimmig zu meinem Namen. Seine rauchige Stimmfarbe verstärkt sein mysteriöses Erscheinungsbild. Er klingt, als wäre er nächtelang um die Häuser gezogen oder hätte eine heftige Halsentzündung hinter sich. Ersteres fügt sich besser in das Bild ein, das ich mir gerade zurechtspinne. Der Kleidung nach zu urteilen ist er Leadsänger einer Rockband. Groß gebaut, ein lockeres Hemd, welches ihm auf einer Seite etwas über die Gürtelschnalle hängt, eine zerrissene Jeans, gestylte tiefschwarze Haare – könnte mich bitte mal jemand zwicken!? Je länger ich ihn betrachte, desto nerviger wird das Bunny an seiner Brust.
»Mona«, erwidere ich geistesabwesend. Sanft, beinahe schon liebevoll gibt er Blondie ein Zeichen, von ihm abzulassen. Sie sind ein Paar. Sie müssen ein Paar sein! Die Herzen in ihren Augen sind selbst für eine Außenstehende wie mich sichtbar. Die Leute schieben sich Richtung Eingang. Automatisch kommt Neal einen Schritt auf mich zu, sodass ich sein herrlich duftendes Duschgel, ohne störendes Parfüm, wahrnehme. Gott, lass sie bitte kein Paar sein.
»Du musst arbeiten, wie ich unschwer überhören konnte?«, schenkt er mir wieder seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Träume ich? Wie ein kleines Kind vor dem Weihnachtsmann starre ich ihn noch immer mit weit aufgerissenen Augen an. Schon immer interessierten mich Männer, die nicht dem klas- sischen Schönheitsideal entsprachen, sondern jene mit einer Besonderheit. Einem geheimnisvollen Lächeln, einer rauchi- gen Stimme oder mysteriösen Augen. Dieser Typ scheint die bestellte Ausgabe meiner unerfüllten Wunschvorstellung zu sein. Ich möchte laut schreien: »Was zur Hölle hat dich so lange aufgehalten?« Wäre da nicht schon wieder Blondie an seiner Seite, die nicht den Anschein macht, Neal in der nächsten Zeit von ihrer Leine zu lassen.
»Ich habe einen Blog und bin immer auf der Suche nach neuen Trends.«
»Dann bist du hier genau richtig.« Hinter uns geht plötzlich eine Tür auf. Bunny wird ihrem Namen gerecht und hüpft aufgeregt wie ein kleines Häschen auf und ab.
»Wir haben Glück, heute dauert es nicht lange«, er kommt nahe und flüstert in mein Ohr, als verriete er mir ein Geheimnis. Neugierig blicke ich an ihm vorbei, was aufgrund seiner Größe gar nicht so einfach ist. Ich erwarte vieles, nur nicht das, was sich hier darbietet. Ich sehe in einen bereits gefüllten Raum, Hunderte Leute tanzen, im Stillen, völlig tonlos, als hätte man einen Lautlosknopf gedrückt. Komplett abgefahren. Was sind das hier für Freaks? Ich bin sprachlos – zum zweiten Mal heute –, und das sollte etwas bedeuten.
»Viel Spaß, Mona.« Neal winkt kurz zum Abschied und fügt sich sofort, wie der Rest seiner Freunde, in dieses skur- rile Bild ein. Wie angewurzelt stehe ich beim Eingang und bin mir nicht sicher, was ich davon halten soll. Erst Neal ... dann diese Freakshow mit Tanz ohne Töne. Ich stöbere immer neue, hippe Veranstaltungen auf, aber dies übersteigt eindeutig meine Vorstellungskraft. Es macht Spaß, sich immer wieder auf neue Abenteuer einzulassen, obwohl ich jede Tanzveranstaltung für gewöhnlich nur als Statistin besuche. Warum? Weil ich dadurch einen besseren Überblick bekomme und viel mehr Eindrücke sammeln kann. Jedenfalls ist es das, was ich mir selbst immer vorsage. Ich ertappe mich dabei, wie ich die Menge nach Neal absuche. Zwar erkenne ich viele Köpfe, doch er scheint ver- schwunden zu sein. Wie schade. Ich bewege mich am Rand vorwärts, um die tanzenden Menschen nicht zu behindern. Seltsam, wenn man seine eigenen Schritte in der Diskothek hört.
»Die müssen auf deinen Kopf, sonst hörst du nichts.« Erschrocken drehe ich mich um. Mein Aufschrei ist durch den ganzen Raum zu hören, doch ich bin mit Neal die Einzige, die ihn wahrnimmt, denn alle anderen werden durch die Kopfhörer mit Tanzmusik beschallt. Wie aus dem Nichts steht er vor mir. Er zieht seine Hörer wieder auf seinen Kopf und weist mich an, es ihm gleich zu tun. Seine Augen funkeln mich in einem wunderschönen Rehbraun auffordernd an, während er auf meine Reaktion wartet. Mein Herz rast, als wäre ich einen Einhundert-Meter-Sprint gelaufen. Ich streiche meine langen widerspenstigen Locken zurück. Laute Technomusik dröhnt in meine Ohren. Komplett unpassend zu der Stimmung, die sich gerade in meinem Herzen ausbreiten will. Erst jetzt ergibt das hier alles einen Sinn, und die Leute vor mir wirken plötzlich nicht mehr wie tanzende Irre, die auf Drogen sind. Der Raum ist dunkler als in einer normalen Disco und wird bloß durch die leuchtenden Kopfhörer erhellt. Man sieht nur auf und ab hüpfende Lichter, die verhindern sollen, dass man gleich mit dem Typen neben einem kollidiert. Seitlich von uns steht ein DJ, der die Menge mit seinen Beats animiert. Probeweise hebe ich die Kopfhörer an und beginne belustigt zu grinsen. Stille. Und was macht Neal? Er grinst zurück. Und wie er grinst. Mein Herz hüpft genauso aufgeregt wie sein Bunny vorher.
»Wo bin ich hier gelandet? Das ist der absolute Wahnsinn«, quietsche ich entzückt in mein Handy. »Ohne die Kopfhörer nimmt man bloß die Schritte und das Lachen der Menschen wahr.« Neal scheint genauso begeistert zu sein wie ich und er schenkt mir ein schiefes Lächeln. Ich werde am Ellbogen gezogen, und bevor ich mich wehren kann, stehe ich zwischen unzähligen Leuten, die wild um mich tanzen. Neal bedeutet mir, die Kopfhöher wieder aufzusetzen und mich zur Musik zu bewegen. Das geht zu weit. Never ever! Ich schüttle energisch den Kopf. Etwas enttäuscht bleibt er stehen und nimmt seine Musikquelle ab.
»Mona, tanz! Lass einfach los. Wozu bist du hier, wenn du dich nicht bewegen willst? Alle tanzen!« Zu gern möchte ich loslassen, doch ich fühle mich gehemmt. Ich bin keine gute Tänzerin. Wenn ich tanze, dann nur zu Hause. Wo mich keiner sieht und beurteilt. Sicherlich nicht neben diesen vielen Menschen, die vielleicht sehen könn- ten, dass ich mich überhaupt nicht bewegen kann. Und schon gar nicht neben Neal, der sich sofort mit der Musik verbindet, als wäre es das Natürlichste auf der Welt. Ich verschränke wie ein kleines Kind demonstrativ die Arme vor der Brust und schüttle den Kopf. Das war nicht abgemacht. Ich berichte, beobachte, aber tanzen? Nein danke! Er stoppt, mustert mich argwöhnisch und streift die Hörer wieder ab.
»Was ist los? Warum bist du so verklemmt?« Verklemmt beschreibt mein Verhalten wahrscheinlich am ehesten, aber möchte ich das von einem Unbekannten aufge- zeigt bekommen? Was bildet er sich eigentlich ein? Wir kennen uns gerade einmal gefühlte zwei Sekunden und er beginnt schon mich zu kritisieren? »Ich tanze nicht gern. Ich meine, ich tanze schon gern. Aber nicht so ...«
Er merkt meine Unsicherheit und grinst mich so jungen- haft an, dass ich wieder dieses Herzhüpfen in meiner Brust ver- spüre. »Beweg dich, es ist ganz einfach! Siehst du ...« Ich schnaube verächtlich und verdrehe die Augen, während er wie Hitch der Date Doktor vor mir steht und einen Side Step nach dem anderen vorzeigt. Selbst diese dumme Bewegung sieht bei ihm sexy aus. Er hat leicht reden.
»Wegen solchen John Travoltas wie du einer bist, zweifeln Leute wie ich daran, die Tanzfläche überhaupt betreten zu dür- fen«, blaffe ich ihn an. Etwas zu laut, denn um uns ist es bei- nahe still. Er stoppt abrupt, neigt seinen Kopf etwas schief und ich merke, wie er zu verstehen beginnt. Hat ja lange gedauert, Mr Travolta.
»John Travolta? Der Discokönig? Das ist doch einmal eine Steigerung zu Hugh Hefner!« Um uns tanzen die Menschen ausgelassen, nur ich stehe wie angewurzelt vor Neal und starre ihn an. Er überlegt. Plötzlich greift er nach meiner Hand, als wären wir langjährige Freunde, und zieht mich einfach mit sich. Ich versuche mich zu wehren. Schließlich kenne ich diesen Kerl nicht. Obwohl, ganz ehrlich fühlt sich meine Hand in seiner so gut an, dass ich mich nicht wirklich vehement wehre. Warum zur Hölle ist er nicht bei seinen Freunden? Oder bei seinem Bunny? Strahle ich so viel Unsicherheit aus, dass er sich denkt, er müsse sich um mich kümmern? Anscheinend strebt er genau das an. Wie ein Hündchen stolpere ich hinter ihm her. Wir rempeln einige an und kassieren dafür verärgerte Blicke. Ohne Vorwarnung bleibt er plötzlich stehen. Ich knalle gegen seinen Rücken und muss gezwungenermaßen meine Hände an ihn legen. Verdammt, fühlt er sich gut an. Könnte ich, würde ich diesen Moment noch länger auskosten, doch mein Verstand lässt mich nicht im Stich und ich weiche erschro- cken zurück, als hätte ich meine Finger verbrannt. Er dreht sich zu mir. Uns trennen ein paar Zentimeter. Wir stehen in der Mitte der überfüllten Tanzfläche, eingezwängt zwischen den vielen Körpern. Ich kann seinen Atem auf meinen Haaren spü- ren. Schützend lege ich meine Hände an seinen Bauch. Ich bli- cke auf und schlucke, als ich sein Gesicht neben meinem spüre. Er streicht selbstverständlich mit seiner Hand über meine glü- hende Wange und flüstert dabei verführerische Zauberworte. »Schließe deine Augen, Mona, und lass dich auf die Musik ein. Vertrau mir! Ich weiß, wie du dich fühlst.«

Es kribbelt nicht nur an der Stelle, an der er mich berührt hat, sondern überall. Wie bitte? Meint er das jetzt ernst? Mr Travolta als junge Version will mir sagen, wie ich mich fühle? Er setzt mir meine Kopfhörer auf, die bis dahin noch um meinen Nacken pendeln. Es kitzelt, als seine Fingerkuppen meine Haare zurückstreichen. Die Klänge einer Gitarre und die Stimme der Sängerin ertönen.

Genau mein Musikgeschmack! Er lächelt. Und ich lächle diesmal zurück. Für einen Moment blickt er mir so tief in die Augen, dass ich aufhöre zu atmen. Als wären wir die Einzigen hier. Als wäre ich sein einziger Mittelpunkt. Ich könnte ewig, eng an ihn gepresst, einfach nur dastehen, mit den sanften Klängen in meinen Ohren. Doch etwas an dieser Situation fügt sich nicht vollkommen in das Bild ein, das ich mir gerade in meinem Kopf zurechtlege. Er ist zu perfekt, um wahr zu sein. Schlank, gut definiert – soweit ich dies erfühlen konnte – und wunderschön anzusehen. Und ich? Ich bin ich. Mona, Mo, das dicke Pummelchen auf zwei linken Beinen. Er kann sich nicht ernsthaft für mich interessieren. Diese Tatsache lässt den Abstand zwischen uns schnell größer werden. Um mich herum tanzen viele Pärchen eng umschlungen, aber auch verein- zelt Leute allein, die sich langsam zu den Tönen einer akustischen Version von »Shake it out« von Florence + The Machine bewegen.

Ich gebe ihm nicht mehr die Möglichkeit näher zu kommen. Doch er lässt nicht locker. Immer wieder bringt er mich mit seinen seltsam überzogenen Bewegungen zum Lachen, stupst mich an und knackt schließlich meine Schale. Mein Verstand warnt mich, denn sein Interesse kann schließlich nicht von Dauer sein. In ein paar Augenblicken wird er sich wieder seinem hübschen, völlig zweifelsfrei konkurrenzlosen Bunny zuwenden. Doch mein Herz schreit so laut, den Moment zu genießen, dass ich alle Zweifel tief in mir vergrabe. Er schafft es sogar irgendwann, dass ich mich dabei entspanne. Wir tanzen. Mal enger, mal jeder mehr für sich.

Doch nie weiter als eine Armlänge entfernt. In regelmäßigen Abständen ermahnt er mich die Augen zu schließen, sobald ich es wage, verstohlen in den Raum zu blinzeln. Dabei streifen seine Fingerspitzen über meine Lider. Ich glühe förmlich, obwohl seine Berührung Gänsehaut auf meiner Haut erzeugt. Die Energie der anderen überträgt sich auf mich. Ich höre den tiefen Bass, die Stimme der Sängerin, ich spüre die Wärme. Ich spüre Neal. Wie er nach meinen Händen greift. Wie er mich an sich zieht. Und wie sich meine Hüfte ganz ohne mein Zutun unter seiner Führung anfängt rhythmisch zu bewegen. »And it’s hard to dance with a devil on your back – so shake him off ...« Bei »whoa« hebe ich die Hände und singe mit. Erschrocken öffne ich die Augen und erkenne, dass ich nicht die Einzige bin, die mitgrölt. Neal strahlt mich begeistert an. Er scheit stolz auf mich zu sein und seine Euphorie steckt an.
Es ist ein tolles Gefühl. Hier ist es dunkel. Hier kann ich ohne Sorge loslassen. Das Adrenalin fährt durch die Venen und beschleunigt meinen Puls. Neal tanzt, als gäbe es kein Morgen. Seltsamerweise habe ich neben ihm das Gefühl, nichts falsch zu machen. Ich lache vergnügt und fühle mich so frei wie noch nie zuvor. Ein Lied nach dem anderen ertönt. Zu Lenas »Wild and Free« beginnen alle einheitlich zu hüpfen. Neal und ich mittendrin. Als wären wir Freunde, als wären wir ein Paar, halten wir uns an den Händen. Jeglicher Selbstzweifel fällt ab. Ich tanze schwerelos, während mir Flügel wachsen, die mich ein paar Zentimeter vom Boden abheben. Gerade fühle ich mich weder zu dick noch zu klein. Ich bin ich. Mo, die tanzende Lebendigkeit in Person. Lachend drehe ich mich wie ein kleines Kind im Kreis. Eine noch nie da gewesene Lebensfreude flutet meinen ganzen Körper. Neal passt sich immer mehr meinen Bewegungen an, bis ich zitternd feststelle, dass er nur ein paar Millimeter von mir entfernt steht. Als ich meine Hände hebe, wandern seine meinen Körper abwärts entlang. Hektisch beginne ich ein- und auszuatmen. Als seine Lippen mein Ohr berühren, zucke ich zurück.
»Weißt du, wie toll du tanzt?« Ich träume. Es muss ein Traum sein. Ich kann eigentlich nicht tanzen. Doch in seinen Armen fühlt es sich so einfach an, dass ich selbst der Überzeugung bin, es zu können. Wie macht er das bloß? Ich spüre, wie ich wachse. Noch nie empfand ich diesen Cocktail an Gefühlen.

Warum fühlt sich alles in seiner Gegenwart so leicht an? Ich will mehr. Viel mehr! Mehr, als ich mir jemals erträumt habe. Alle Lieder, die das Gefühl von Freiheit vermitteln sollen, werden abgespielt. Ich tauche in eine Welt ein, in der Raum und Zeit verschmelzen. Ich kann nicht sagen, ob wir eine halbe Stunde oder drei Stunden tanzen. Ich bekomme beinahe nicht mit, wie die Sonne hinter den Bürogebäuden um uns herum aufgeht. Das Licht ergießt sich durch die hohen, bodentiefen Fenster, und die Location erstrahlt. Das Tempo der Lieder verlangsamt sich, bis wir im Rhythmus wiegend zusehen, wie die Dunkelheit um uns verschwindet. Der Tag verlangsamt unsere Schritte. Sie spielen Norah Jones’ »Sunrise«. Die letzten Töne erklingen. Dann ist es still. Neal noch immer dicht an meinen Rücken gepresst, die Hände mit meinen an meiner Taille verschmolzen.

Die plötzliche Stille um uns katapultiert mich schlag- artig aus diesem herrlichen Traum. Peinlich berührt befreie ich mich aus seinen warmen Händen und seiner Umarmung. Das war viel zu nah für Fremde. Unsicher starre ich zu Boden. Wie peinlich. Neal wurde gerade Zeuge meiner gut gepflegten Nutella-Fettpölsterchen. Ich möchte am liebsten im Erdboden versinken. Ohne zu fragen, überzeugte er sich von meinem Winterdepot. Ich schließe die Augen und gebe ihm Zeit zu verschwinden. Schließlich muss er nun das Weite suchen. Er kann nicht anders. Ich erspare uns beiden somit eine unange- nehme Situation. Als hätte es die letzte Stunde einfach nicht gegeben. Ungeduldig beiße ich auf meine Lippen und warte mit geschlossenen Augen. Ein paar Sekunden gebe ich ihm für seinen Abgang noch Zeit. Fünf, vier, drei ... kurz blinzle ich auf – er ist noch da – verschwinde endlich – zwei, eins ... Seine Lippen berühren meine und ein Stromstoß schießt durch mei- nen Körper. Ein Blitz durchfährt mich. »Danke«, formen seine Lippen auf meinen, als ich aufblitze. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn richtig verstanden habe. Er nimmt als Erster die Kopfhörer ab und lächelt. Seine Haut glänzt golden durch die hellen Sonnenstahlen. Die Menschen um uns nehme ich nicht mehr wahr. Nur noch Neal. Hat er mich gerade wirklich geküsst?
»Du hast tolle Lippen, wie ein kleines Herz. Aber das hat dir sicher schon mal jemand gesagt!« Sicherlich, das höre ich täglich! Ich starre ihn perplex an. »Wahnsinn!!«, ist das Einzige, was ich als Antwort auf seine Worte und seinen Kuss rausbringe. Mein Mund steht offen. Ich bin noch immer berauscht und kann es nicht glauben, was hier gerade passiert ist. Langsam befeuchte ich meine Lippen mit der Zunge und lege meine Finger darauf, um mich zu vergewis- sern, dass ich nicht verrückt werde und gerade zu fantasieren beginne.
Er beobachtet mich. »Ich weiß.« Sein Blick ist liebevoll- und wüsste ich es nicht besser, könnte ich denken, seine Worte gelten mir. Er deutet ein schiefes Lächeln an. Was gäbe ich dafür, diesen Sonnentanz zu verlängern ...
»Da bist du ja!«, tönt es fast schon hysterisch. Mein Lächeln stirbt einen schnellen Tod. Wie ein Wecker, der frühmorgens unangenehm läutet und dich von den schönsten Träumen weckt, schrillt Bunnys Stimme in unsere Ohren. »Ich habe dich gesucht!« Und gefunden. Die Glückliche.
»Es tut mir leid«, flüstert er, bevor er auf Abstand geht. Was genau meint er damit? Automatisch weiche ich auch einen Schritt zurück. Seine Augen funkeln mit einer Intensität, wie ich es noch nie gesehen habe. Unsere Blicke sprechen Bände, so viele Fragen, so viele Gefühle, doch keiner wagt den Anfang zu machen. Mein Mund ist staubtrocken und alles, was ich ihm sagen will, möchte einfach nicht über meine Lippen kommen. Bunny zieht Neal von mir weg, und bevor ich mich versehe, verschwindet er mit ihr – so plötzlich, wie er vor mir stand.

 

 

© Mela Wagner und montlake Romance" Tanz der Sonne entgegen", Dez. 2017, Fehler können enthalten sein. 

Der Text unterliegt dem Urheberrecht. Die Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und jede Art der Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtes bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin oder des Verlags.