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Auszug aus dem Roman

'Mein Herzschlag in dir' Teil1 

von Mela Wagner auf Amazon

 

1. Ava

»Ava, komm zurück, das Wasser ist zu kalt. Ich will nicht, dass du dich verkühlst.«

»Aber meine Freundinnen spielen im See. Warum darf ich nicht?« Mutter kniet sich vor mich hin.

Sie streicht über mein Haar und seufzt, während sie ihren Kopf zur Seite legt. »Dein Herz schlägt anders als das der Kinder dort drüben. Denk daran. Wenn du älter bist, verstehst du es besser.«

»Warum muss es anders schlagen und nicht so wie bei ihnen?« Ich deute auf die spielenden Kinder. Sie bespritzen sich mit Wasser und laufen lachend im knietiefen See umher. »Ich will mit ihnen Fangen spielen. Sieh nur, wie viel Spaß sie haben.«

»Du darfst mit ihnen spielen, doch sei nicht so wild.« »Warum?«
»Weil jeder deiner Herzschläge kostbar ist.«
»Ist ihr Herzschlag denn nicht kostbar?«

»Für sie ist er normal.«

»Ich mag auch normal und nicht kostbar sein. So wie sie. Wenn ich dafür wild sein darf.«

Mutter legt ihre Hand auf mein Herz. »Irgendwann wirst du verstehen, wie einzigartig du bist.«

»Ava!«
»Ja!« Ich spüre eine kalte Hand auf meiner Schulter und

schrecke hoch. Vor mir liegt ein Stapel Befunde. Bin ich etwa eingeschlafen?

»Ava?« Julie kniet sich genauso neben mich, wie es meine Mutter in meiner Erinnerung getan hat. Ich blinzle ein paar Mal, um den Traum abzuschütteln. Julie wirkt müde. Die un- zähligen Sommersprossen sehen auf ihrer sonnengebräunten Haut wie aufgepinselt aus. Mit dem Haarreifen versucht sie, ihre widerspenstige Mähne zu bändigen, doch je länger die Schicht dauert, desto mehr Locken stehen in alle Richtungen ab. »Geh nach Hause!«, murmelt sie und gähnt dabei ausgiebig. Sie steckt mich an.

Ich versuche, mein müdes Gesicht mit den Händen wach zu reiben, und gähne ebenfalls. »Jetzt noch nicht. Dieser eine Fall lässt mich nicht mehr los. Ich muss Klarheit in die Sache bringen. Außerdem hat mich der Professor gebeten, ein paar Befunde vorzubereiten.«

»Seit wann ist deine Schicht zu Ende?«

Ich drehe mein Handgelenk, bis ich die digitalen Ziffern auf meiner Uhr erkenne. Mein Puls liegt bei 95. Etwas zu hoch, doch nach Julies plötzlichem Überfall im Normalbereich. Es ist kurz vor Mitternacht. »Meine Schicht war schon um zwanzig Uhr zu Ende.«

Sie verdreht die Augen und schnauft. »Du solltest dich ausruhen. Morgen ist auch noch ein Tag. Wie hältst du diesen Schlafentzug aus? Ich bin bereits nach dem einen Probemonat komplett ausgelaugt.«

Julie ist neu im Team. Gerade mal fünfundzwanzig Jahre alt. Sie kam direkt von der Universität zu uns. Wir gehen ab und zu essen und tauschen uns über medizinische Dinge aus. Sie ist die einzige Kollegin aus dem Team, mit der ich mich wirklich gut verstehe.

»Ich brauche nicht viel Schlaf. Aber warte ab – mit der Zeit gewöhnst du dich daran.« Sorgfältig sortiere ich die vor mir ausgebreiteten Blätter. Ich möchte nicht, dass Julie einen Blick darauf wirft. Sie greift nach meinen rohen Kakaonibs und stopft sich eine Handvoll in den Mund.

»Igitt, schmeckt das trocken ...«, verkündet sie, nachdem sie eine Zeit lang darauf herumgekaut hat, und streckt mir ihre dunkelbraune Zunge entgegen.

»Das Risiko, einen Schlaganfall oder Herzinfarkt zu erlei- den, soll durch Kakaokonsum gesenkt werden.«

»Meine Schokoriegel schmecken besser.«

»Schokolade ist nicht gleich Schokolade. Das kann man nicht vergleichen.«

»Du bist ein Freak, Ava. Wer isst denn so ein Zeug?«

»In Müsli schmeckt es sehr gut.«
»Du bist seltsam.«
»Das höre ich nicht zum ersten Mal.«

»Niemand versteht, was in deinem Kopf vorgeht. Du bist die Oberstreberin und Professors Liebling.« Sie zwinkert mir frech zu.

»Sind das die Worte der anderen Kollegen?«

»Ich bilde mir selbst meine Meinung.« Dabei reckt sie ihre Stupsnase in die Höhe.

Müde sehe ich auf die Unterlagen und reibe mir die Schläfen. Die letzte Nacht habe ich schlecht geschlafen. »Ich habe Angst, etwas zu übersehen. Das ist alles.«

Julie schiebt den Stuhl neben mir zurück und sackt weh- klagend wie ein feuchtes Tuch darauf zusammen. Sie stützt die Arme auf dem Tisch ab und legt das Kinn in die Hände, während ich die Befunde in der Akte verschwinden lasse. »Frau Blum hat Zweifel? Ist es wegen der Frau, die sie heute eingelie- fert haben?«

Ihre blauen Augen erwachen für einen Moment. Sofort sehe ich die Bilder von heute vor mir:

Die Tür der Notaufnahme schwingt auf. Auf einer trag- baren Liege schieben die Sanitäter eine bewusstlose Frau in den sterilen Bereich. Ich blicke in das blutverschmierte Gesicht. Verkehrsunfall. Selbst verschuldet. Ich tippe wegen ihres Rennanzugs auf einen Motorradunfall. Dutzende Sponsorenbanner befinden sich auf ihrer Brust. Kurz bevor sich die Türe des abgeschotteten Bereichs wieder schließt, sehe ich, wie ein Mann versucht, an den Krankenschwestern vorbeizu- kommen. Er trägt genau den gleichen Anzug und tobt. Schreit immer einen Namen. Lou! Lou!

Die Security erledigt ihren Job und hält ihn von der Notaufnahme fern. Eine unserer geschulten Empfangsdamen redet auf ihn ein und versucht ihn zu beruhigen, während der Sanitäter ihre Werte herunterrasselt. Ich schließe die Augen und notiere sie mir im Geist, um nichts zu übersehen. Hektik ist in meinem Job normal. Wir sind darauf geschult, Ruhe zu bewahren. Ein paar Werte machen mich stutzig, doch in meiner Probezeit habe ich gelernt, erst das komplette Ganze zu sehen, bevor ich Rückschlüsse ziehe.

Ich kontrolliere ihre Pupillen, teste ihre Reflexe. Die Patientin trägt einen Brustschutz. Julie murmelt etwas von Rowdy und Motorrädern. Der Typ in der Eingangshalle bedient dieses Klischee. Julie reißt die Klettstreifen des Korsetts ab und ich klebe eine Elektrode nach der anderen auf die Brust. Eine Platzwunde am Kopf. Äußerlich scheint nicht viel passiert zu sein. Aber der Schein trügt oftmals. Ich ordne einen Ultraschall an.

Aus dem Warteraum nehme ich wieder eine wütende, tiefe Stimme wahr. »Beruhige ihren Freund!«, weise ich Julie an. Sie schnauft. Aufgebrachte Angehörige erleichtern unsere Arbeit nie. Ich erkundige mich nach ihrem Namen und blicke

Christian über die Schulter, der am Computer nach etwaigen früheren Krankenhausaufenthalten sucht. Sollte es diese bei uns gegeben haben, lägen Blutbefunde und Informationen zu Vorerkrankungen vor, was die Anamnese erleichtern würde. Christian stößt auf einen Befund, der fünf Jahre zurückliegt. Sie kam mit einer gebrochenen Schulter ins Krankenhaus. »Ich finde nichts Erwähnenswertes. Impfungen. Blutgruppe A+. Man hat ihr die Schulter eingegipst, aber sie hat sich zu keiner Nachkontrolle blicken lassen. Vor ein paar Wochen wurde sie neunundzwanzig. Der Freund meint, sie sei beim Motorradfahren bewusstlos geworden.«

Während er sich durch die Befunde klickt, starre ich auf ihr Geburtsdatum. Wie seltsam. Reiner Zufall?

»Ava?«

Ich halte meinen Blick auf die Zahlen gerichtet, bevor ich in das blutverschmierte Gesicht der jungen Frau sehe. Außer den kurzen dunklen Haaren erkenne ich nicht viel. Einer der Assistenzärzte überprüft die Platzwunde am Kopf. Sie befreien die Frau aus dem Lederanzug.

»Schätzungsweise eins siebzig groß, fünfundfünfzig Kilo«, mutmaßt Christian.

»Zeig mir das EKG«, fahre ich Julie forsch an. Sie hebt eine Augenbraue.

»Ultraschall unauffällig! Keine inneren Blutungen«, höre ich von einem der Ärzte.

Je mehr Informationen ich bekomme und die Werte des EKGs studiere, desto schneller verhärtet sich mein Verdacht. »Kann jemand bitte Dr. Lang anpiepsen?«

»Seine Schicht ist zu Ende«, höre ich hinter mir.
»Sag ihm, Verdacht auf Brugada!«
Julie sieht mich erschrocken an. »Wie kannst du das

wissen?«

»Hol ihn!« Diesmal ist meine Stimme deutlich bestim- mender. Julie plumpst vor lauter Hektik über einen Drehstuhl. Ich spüre mein Herz. Der Puls liegt bei 110. Ich muss mich beruhigen.

Plötzlich herrscht Aufregung.

Während meine Kollegen um die Frau herumtänzeln wie Engel in blauen Anzügen, starre ich ihr ins Gesicht und gebe ihnen Anweisungen. Ich höre wieder die männliche Stimme aus dem Wartebereich. Sie wirkt verzweifelt.

Geistesabwesend trete ich aus dem Untersuchungsraum. Als sich die Türe vor mir öffnet, sehe ich ihn. Die Hände am Hinterkopf stoppt er seine Versuche, in die Notaufnahme durch- zudringen. Neben ihm liegt ein schwarzer Motorradhelm auf dem Boden. Ein paar hellbraune Haarsträhnen fallen ihm ins Gesicht. Um seine Wangen zeichnet sich ein leichter Schatten ab, als hätte er sich seit Tagen nicht mehr rasiert. Neben ihm taucht plötzlich ein anderer Mann auf. Er ist kleiner – reicht ihm gerade mal bis zur Schulter. Auch seine Kleidung ist mit unzähligen Bannern bestickt.

Geburtsdatum, Geburtsjahr, Blutgruppe – alles identisch! Was hat das zu bedeuten?

Erst als sich die Türen wieder schließen, erwache ich aus meiner Lethargie.

»Erde an Ava! Oskar ist gleich hier. Er war noch auf dem Parkplatz.«

Sie alle sehen nicht, was ich sehe. Niemand tut das.

Hinter mir reißt jemand die Türen der Notaufnahme auf. Ohne mich umzudrehen, erkenne ich ihn am Klang seiner genagelten Schuhe, die im engen Gang wie ein hämmernder Herzschlag klingen.

»Neunundzwanzig Jahre alt, kam bewusstlos ins Krankenhaus. Verkehrsunfall. Verdacht auf Brugada«, murmle ich, als er vor mir stehen bleibt und mich vorwurfsvoll ansieht.

»Ich war bereits auf dem Weg nach Hause.«

»Tut mir leid. Ich hätte dich nicht angefordert, wenn es nicht wichtig wäre.« Schnell reiche ich ihm die alte Akte, die er kurz überfliegt. Er weist Julie an, ihm Schutzkleidung zu beschaffen, und ordnet noch weitere Tests an. Ich stehe neben ihm, unfähig, mich zu bewegen, geschweige denn zu helfen. Die Beine fühlen sich wie in Beton gegossen an und mein Herz rast verdammt schnell. Ich spüre, wie die Hände unter den engen Plastikhandschuhen feucht werden.

»Geht es dir gut? Du bist blass!«

Ich nicke weggetreten. »Alles gut. Ich habe wenig geschlafen.«

»Du hast alles richtig gemacht! Wieso brauchst du meine Hilfe?«, fragt Oskar müde und zieht sich den Schutzanzug über die Schultern.

Ich blinzle und schlucke einen riesigen Kloß hinunter. Weil mich plötzlich die Angst übermannte, etwas falsch zu machen. Mein Blick verschleiert sich. Ich möchte nicht weinen, obwohl mir danach zumute ist. »Sie ist neunundzwanzig Jahre alt und es liegen bisher keine Hinweise einer Herzinsuffizienz vor.« Ich atme flach.

»Du weißt nicht, ob sie davor nicht auch schon Beschwerden hatte und sich untersuchen ließ. Außerdem wäre das typisch für dieses Syndrom. Die ersten Anzeichen tauchen im mittleren Alter auf. Frau Binder kann sich glücklich schätzen, hier bei dir gelandet zu sein. Die meisten Ärzte hätten sie wieder nach Hause geschickt.«

»Ava?« Julie stupst mich schon wieder munter.
Ich reibe mir über die Stirn und lächle sie an. »Tut mir leid.

Der Tag war lang und chaotisch. Vielleicht sollte ich doch nach Hause gehen. Ist der Typ noch hier, der den Wartebereich bei- nahe kurz und klein geschlagen hätte?«

Ihre müden Augen blitzen auf. »Als ich ihre Infusion vor einer halben Stunde gewechselt habe, saß er neben ihr am Bett. Ich habe ihn darauf hingewiesen, dass die Besuchszeit schon lang vorbei ist, aber er hat nur genervt abgewunken. Und mit einem Motorradgang-Mitglied lege ich mich ungern an. Als er sich den oberen Teil des Lederanzugs um die Hüften gebunden hat, kam darunter eines dieser eng sitzenden Trainingsshirts zum Vorschein. Ich konnte jeden einzelnen Bauchmuskel abzählen.«

»Julie!«, rufe ich empört.

»Was? Nach dem anstrengenden Tag wird man seinen Augen ja auch mal was Gutes tun dürfen!« Sie lehnt sich zurück und grinst frech. »Er hat von einem Rennen erzählt, das Frau Binder nun verpassen wird. Da hab ich erst geschaltet, dass ich den Typ vorher schon mal gesehen habe. Ich habe gegoogelt und bähm ...« Sie knallt mit der flachen Hand auf den Tisch und erschreckt mich zu Tode. »Was denkst du, hat das Internet ausgespuckt?«

»Keine Ahnung!«

»Er ist ein Star in dieser Branche. Wobei die Frau auch ganz gut fährt.«

»Welche Branche?«

»MotoGP. Ich weiß das nur, weil mein verrückter Bruder und mein Vater jedes Mal wie kleine Jungs am Bildschirm hängen und stundenlang nicht ansprechbar sind, sobald das Rennen begonnen hat. Das surrende Geräusch der Motoren sei beruhigend, meinen sie. Ich persönlich kann diesem Sport nichts abgewinnen. Wenn du mich fragst, sind das alles Adrenalinjunkies, die ihre Runden auf einer überdimensionalen Rennstrecke drehen und irgendwann bei uns als Organspender landen. Jedenfalls meint das meine Mutter und ich sehe das genauso.«

»Motorradrennen? Was bewegt einen, dieses Risiko einzugehen?«

»Das musst du sie schon selbst fragen. Aber bei dem Cocktail, den ihr Oskar an Schlaf- und Schmerzmitteln verord- net hat, musst du dich bis morgen gedulden. Aber du kannst ja Mister Bike-Gott fragen. Ich bin ab jetzt sein Fangirl!«

»Du spinnst doch. So einen irren Sport kann man doch nicht gutheißen.«

»Wenn ich meinem Vater erzähle, dass ich den Gewinner der letzten MotoGP getroffen habe, glaubt er mir das nie. Wann wollt ihr sie operieren?«

Ich verdrehe die Augen. Bei Julies Geschnatter wird mir ganz schwindelig. »Zuerst muss die Patientin wach sein und über ihren Zustand Bescheid wissen. Wenn du willst, lege ich ein Wort bei Oskar für dich ein, dass du mitassistieren kannst.«

»Ich bin die Einzige, die euch beide zusammen erträgt. Keiner stellt sich im OP freiwillig neben dich, wenn der Professor dabei ist.«

Seufzend packe ich die Akte der Frau in meine Tasche. Julie hat recht. Meine Kollegen meiden mich, seitdem mich der Professor zu seinem Liebling erkoren hat. Sie haben keine Ahnung, dass ich mich – dumm wie ich bin – vor ein paar Monaten auf ein Techtelmechtel mit meinem Vorgesetzten eingelassen habe. Ich schlüpfe in meinen Regenmantel. Zu Schichtbeginn hatte es heftig geregnet.

»Jetzt nimmst du die Akten schon mit nach Hause? Du bist ein Freak. Wenn ich den anderen davon erzähle ...«

»Das machst du nicht.«
»Und warum?«
»Weil du hier meine einzige Freundin bist.«
Sie lacht und wirft eine OP-Mütze nach mir. »Jetzt schau, 
dass du endlich nach Hause kommst, du Monk!«
Ich verdrehe die Augen und schultere meine Tasche. »Bis 
morgen, du Fangirl!«

Als ich das Krankenhaus verlasse, desinfiziere ich mir am Ausgang gründlich die Hände. Ich weiche den großen Pfützen auf dem Boden aus. Es nieselt leicht. Seit ein paar Wochen bin ich stolze Besitzerin eines Führerscheins und eines klei- nen Flitzers. So erspare ich mir den langen Weg mit dem Bus, auf den ich die letzten Jahre angewiesen war. Es dauerte seine Zeit, bis ich mir selbst zutraute, mit dem Auto durch die engen Gassen von Wien zu fahren. Doch nach dem Tod meiner Mutter vor vier Jahren verschlechterte sich die Augenkrankheit meines Adoptivvaters und ich musste sicherstellen, dass er zwei- mal pro Woche an seinem eine halbe Stunde außerhalb der Stadt gelegenen Therapieplatz ankommt. So blieb mir nichts anderes übrig, als einen fahrbaren Untersatz zu organisieren. Er beschwert sich zwar jedes Mal über meinen Fahrstil und die Gefahren, denen ich mich aussetze, doch so langsam erkennt auch er den Nutzen des kleinen Stadtflitzers. Aufgrund seines schlechten Sehvermögens darf er kein Fahrzeug mehr lenken. Ich versuche, Papa so gut wie möglich im alltäglichen Leben zu helfen, doch als ehemaliger Polizeichef hasst er es, bemuttert zu werden.

Bevor ich das Zündschloss betätige, sehe ich, wie der Mann aus der Notaufnahme das Krankenhaus verlässt und mit gesenktem Kopf an meinem Wagen vorbeiläuft. Der Rennanzug hängt zusammengebunden an seinen Hüften. Ein bekannter Rennfahrer soll er sein? Ich muss Julie recht geben. Unter dem weißen Trainingsshirt, das an vielen Stellen ver- schmutzt ist, erkennt man einen durchtrainierten Körper. Er schwingt sich auf eines dieser Motorräder, die höchst illegal wir- ken. Genauso ein Organspenderding, von denen Julie sprach. Er schlüpft mit den Armen in den Rennanzug. Ich warte, dass er die Maschine startet, doch er hängt sich über den Lenker und lässt die Schultern sinken. Der schwarze Helm liegt dabei zwischen seinen Oberschenkeln.

Ich sollte fahren, doch stattdessen beobachte ich ihn wie paralysiert. Er positioniert zwei Finger am Nasenrücken und reibt sich die Augen. Die diffuse Beleuchtung des Parkplatzes reicht nicht aus, um seinen Gesichtsausdruck zu erkennen.

Plötzlich schiebt er den Helm über den Kopf. Mit einem Ruck startet er das mörderische Gefährt, an dem mir das große BMW-Logo auffällt. Das Dröhnen des Motors reißt mich aus der Starre. Ohne Schulterblick rollt er los. Er bemerkt nicht, wie ich mich ans Lenkrad klammere und zu ihm rübersehe, als wäre er ein Actionheld. Vielleicht ist es der Schlafmangel, doch als er an mir vorbeifährt, beschleunigt sich mein Herzschlag. Der Warnton meiner Pulsuhr piepst. Sofort greife ich an meine Halsschlagader und überprüfe, ob ich mir das nur einbilde. Mit einem Röhren, das die umlie- gende Nachbarschaft sicher aus dem Schlaf weckt, rast er an mir vorbei. Dann ist er fort.

Gerade als ich in unsere Straße einbiege, läutet mein Handy. Ordnungshalber rangiere ich das Auto zur Seite und krame das Telefon aus der Tasche hervor. Es sind nur noch zehn Meter zum Wohnhaus. Papas Name leuchtet auf dem Display auf.

»Hallo, Papa«, begrüße ich ihn müde.

»Liebes. Wo steckst du? Es ist bereits nach Mitternacht und ich warte auf das Klopfen an der Türe.«

»Die Schicht hat länger gedauert. Ich stehe schon fast vor der Wohnung.«

»Bist du schon im Treppenhaus?«
»Wenn du ein paar Minuten wartest ...«
»Meinst du nicht, dass du zu viel arbeitest? Du musst auf

deine Gesundheit achten. Ruhezeiten einhalten. Das ist wichtig, Ava! Das weißt du!«, unterbricht er mich.

»Natürlich weiß ich das.« Wie könnte ich das jemals verges- sen? »Wir hatten einen Notfall und ich musste länger bleiben.«

»Es wird immer einen Notfall geben, Ava! Nichts ist wichtiger als deine Gesundheit. Kommst du morgen zum Abendessen?«

»Ich versuche, früher Schluss zu machen. Ich kann es aber nicht versprechen. Es ist gerade viel zu tun.«

»Papperlapapp! Sonst hole ich dich persönlich ab.«
»Zu Fuß? Untersteh dich, Papa!« Ihm wäre das zuzutrauen. »Bist du schon im Aufzug?«
»Nein, ich stehe vorschriftsgemäß auf einem Parkplatz,

damit ich mit dir sprechen kann.«
»Funktioniert die Freisprecheinrichtung noch immer 
nicht?«
»Um ehrlich zu sein, habe ich es nicht noch mal probiert.

Ich finde keine Zeit dafür.«
»Ich bitte Ludwig, nachzusehen!«
»Nein, Ludwig hat genug zu tun.«
»Es wäre doch schön, wenn er uns wieder mal besuchen

kommt. Ich lade ihn morgen zum Abendessen ein, was meinst du?«

»Papa.« Ich atme tief ein und aus. Ludwig ist unser Nachbar. Er kümmert sich um all die Dinge, die repariert gehören und für die Papa zu schlecht sieht. Seine Sehkraft liegt bei fünfund- zwanzig Prozent, was den passionierten Polizisten in eine früh- zeitige Rente beförderte. Ich verstehe seine Unzufriedenheit, doch er treibt mit dieser befehlenden Art alle in den Wahnsinn.

»Ludwig ist erst vor Kurzem zum zweiten Mal Papa gewor- den. Denkst du nicht, er möchte lieber zu Hause bei seiner Familie sein, als mit uns beiden zu Abend essen?«

»Er meinte, ich könne mich jederzeit melden.«

»Natürlich sagt er das. Das bedeutet aber nicht, dass du ihn jeden Tag kontaktieren musst.«

»Aber wenn ich Hilfe brauche?« 

»Dir ist langweilig, das verstehe ich, aber nutz die Gutmütigkeit von Ludwig bitte nicht aus. Er hat genug um die Ohren.«

»Wenn sich die eigene Tochter nicht um mich kümmert, muss ich mir eben fremde Hilfe holen.« Ich überhöre diesen Seitenhieb. Mir fehlt die Kraft, etwas zu erwidern. Es ist weit nach Mitternacht. Mein Körper sehnt sich nach Schlaf. Doch ich stehe noch immer in der Parklücke und diskutiere mit mei- nem Vater.

»Lass mich erst mal nach Hause kommen, dann sprechen wir weiter.«

»Du musst schlafen! Wir reden lieber morgen beim Abendessen.«

»Ich kann dir noch nicht sagen, ob ich es zum Abendessen schaffe.«

»Natürlich schaffst du es! Wie lange brauchst du nach Hause?«

»Ich stehe keine zwei Minuten von der Wohnung entfernt.«

»Warum kommst du dann nicht nach Hause?« Ich knurre und lege das Handy auf den Beifahrersitz.

Langsam rangiere ich das Auto aus dem Parkplatz. Kurze Zeit später parke ich vor dem Haus ein. Als ich aussteige, bli- cke ich zum obersten Stockwerk des Gebäudes. Hinter dem Vorhang erkenne ich Papas Umrisse. Er wandert ungeduldig im Wohnzimmer umher. Ich betrete das Wohnhaus in einer der nobelsten Gegenden von Wien, das sich seit Generationen im Besitz von Papas Familie befindet. Wir bewohnen die gesamte obere Etage. Seit meinem Auszug vor dem Studienbeginn lebe ich zwar auf derselben Ebene, aber in einem separaten Teil mit eigenem Eingang. Meine Eltern haben einen Teil der Wohnung für mich umgebaut, um sicherzustellen, dass ich in ihrer Nähe bleibe. Für den Fall der Fälle. Den Rest des Wohnhauses vermie- tet Papa. Die zwei riesigen Wohneinheiten erstrecken sich über

sechshundert Quadratmeter und eine gigantische Dachterrasse mit Blick über die Stadt. Ich bin wohlbehütet aufgewachsen. Umsorgt von liebevollen Eltern, die mir nie das Gefühl gaben, durch die Adoption weniger wert zu sein, als es ein leibliches Kind wäre.

Müde betrete ich den Aufzug und tippe die Tasten- kombination ein, die mich direkt in meine Wohnung beför- dert. Ich lehne mich an die kalte Fahrstuhlwand. Keine zwanzig Sekunden später schreckt mich der hohe Ton des Fahrstuhls auf. Die Türen öffnen sich an beiden Seiten. Papa wartet bereits auf seiner Seite des Aufzugs. Er schenkt mir ein müdes Lächeln.

»Wenn Oskar dich nicht früher nach Hause gehen lässt, werde ich ein ernstes Wort mit ihm reden. Das verstößt gegen jedes Arbeitsrecht.«

»Ich werde versuchen, früher nach Hause zu kommen, okay?«

»Wenn du es nicht machst, werde ich mit ihm reden!«

Ich trete einen Schritt in seine Wohnung und lege meine Hand an seine Schulter. Frau Gunter war heute hier. Es duftet herrlich nach Lasagne. Sie ist unsere Haushaltshilfe und kommt zweimal die Woche.

»Hast du etwas Essen übrig?«

»Natürlich!« Er schüttelt den Kopf. »Um Mitternacht isst du zu Abend. Wenn deine Mutter sehen würde, wie du dich verausgabst. Denk doch an dein Herz, Ava!«

Das tue ich. Jeden Herzschlag! »Es geht mir gut!« Ich küsse ihn auf die Wange und hänge mich bei ihm ein. Er brummt zufrieden...

 

Auszug aus dem Roman 'Mein Herzschlag in dir'. Veröffentlichung 9.März 2021.

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